Stossverkehr

Zürich, respektive die dafür Verantwortlichen, behaupten es immer wieder und zu jeder Gelegenheit. Sie hätten eines. Ich auch. Behaupten. Sie haben keines. Ein Konzept. Generell. Ein Verkehrskonzept sowieso. Also nicht. Nada. Niente. Njet. Gehen sie mal zum Central. In Zürich. Morgendlicher Dreh- und Angelpunkt. Abends sowieso. Tout Züri trifft hier aufeinander. Zu Fuss, Velo, Tram, Bus, Auto, Cable Car. Von allen Seiten. Und in Massen. Jetzt könnte man ja meinen. Grosser Platz? Verkehr? Chaos! Ampeln! Im Rest der Welt wäre es so. Nicht im Verkehrskonzept Zürichs. Auch nicht an den Fussgängerstreifen. Von denen es geschätzte 267 hat. Nicht in der ganzen Stadt. Nein, nur am Central.
Gut, für Kommunikative ganz lustig. Kann ihnen passieren, mit dem Auto vom Bahnhof her, zeitgleich mit einem Fussgänger, treffen sie den dann gefühlte 18 Mal. Sie als Autofahrer um’s Central rum, er als Fussgänger quer drüber. Zweimal ganz lustig. Dreimal zur Not auch. Beim vierten Mal treffen sie ihn dann aber schon lieber auf Höhe der Hüfte. Seiner. Mit ihrer Stossstange. Und damit meine ich die vorne an ihrem Wagen.
Das Konzept der Stadt besteht übrigens darin, zu den Stosszeiten ein paar den Verkehr regelnde Beamte an und ins Central zu stellen. Die sind zwar ganz nett, bringen aber grundsätzlich den Verkehr komplett zum Erliegen. Auch den in der angrenzenden Zähringerstrasse. Abends. Stossverkehr der etwas anderen Art.
Darum bin ich ganz froh, wenn ich drüber bin und im HB ankomme. Dort folge ich den Leitlinien für Blinde. Alles schön gerade und im rechten Winkel. Geht zügig zu den Zügen. Gestoppt nur gelegentlich von Rollkofferziehern und Diagonalläufern. Letztere sind Solche, die etwas verträumt durch die Gegend eiern. Und damit den Rechtwinkligen in die Parade fahren. Laufen. Meistens laufen sie ja. Wenn sie es dann täten.
Leitlinien. Eine Wohltat. Und jetzt? Kommt so ein bekiffter Vollblutbeamter auf die glorreiche Idee. Linien müssten weg vom Weg. Weil zu gefährlich. Vermutlich ein Diagonaler. Aber vielleicht ja Glück. Und fällt ohne Leitlinie mal so sanft diagonal vom Perron.

Problem gelöst.

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Veröffentlicht von

Der Nachtwanderer

Der Nachtwanderer ist freier Autor, Zürcher Fels in der alltäglichen Brandung, Szenebeobachter, diffundierender zwischen den Welten Bummler und moderner Geschichtenerzähler. Mit einer gewissen Sehnsucht nach Weite strickt er aus alltäglichen Erlebnissen und Beobachtungen kleine Kurzgeschichten. Mit feinem Humor, einer Prise Ironie und etwas Schalk, eröffnet sich deren versteckter Sinn manches mal erst beim wiederholten Lesen. Und nicht selten entdeckt man sich selbst in seinen Geschichten wieder.

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