Glücksritter

Was lassen sie zurück? Der Welt. Wenn sie gehen müssen. Also zeitlich. Das Zeitliche segnen. Lassen sie überhaupt etwas zurück? Ausser eine hoffentlich sauber aufgeräumte Wohnung. Und einen einigermassen geordneten Nachlass. Ist zur Zeit ja ganz gross in Mode. Nicht nur bei Menschen meinen Alters. Listigerweise auch schon bei Jüngeren. Wobei das Thema an und für sich ja eher weniger. Also lustig. Für einen selber, der etwas hinterlässt. Und die Anderen, die den Mist mitunter aufwischen müssen, auch nicht.
Zum Glück muss ich mir darüber keine Gedanken mehr machen. Meine Hinterlassenschaften wandelt schon auf Erden. Derer drei an der Zahl. Mindestens. Also, von denen ich weiss. Man weiss ja nie alles. Auch nicht, wenn dann der Moment kommt. Was genau ich meiner Hinterlassenschaft alles hinterlasse, nun, diese Überraschung will ich ihnen nicht vornweg nehmen. Das halte ich es eher so wie Ostern oder Weihnachten. Überraschungseffekt, quasi. So viel Spass muss sein. Also mir. Mir gegönnt werden. Damit ich dann mit einem kleinen Lächeln im Gesicht. Sie verstehen. Was ich aber jetzt schon sagen kann? Ich hoffe, ich konnte ihnen ein paar kleine Lebensweisheiten mit auf den Weg geben. Zum Beispiel, sich eine gewisse Gelassenheit zu eigen zu machen. Sich selber und das Leben nicht allzu ernst zu nehmen. Seinen Mitmenschen und dieser Welt mit etwas Wertschätzung zu begegnen. Und das Wichtigste von allem? Während des Laufens nicht zu Gamen oder die Zeitung zu lesen.
Das mit dieser Gelassenheit ist mir erst wieder dieses Wochenende bewusst geworden. In Bern. Anlässlich einer Hochzeitsfeier. Viele Leute. Aus allen Ecken und Enden des Lebens. Bunt gemischt. Und, im Gegensatz zu Zürich, sehr gelassen im Umgang miteinander. Nicht diese Dünkel. Wer bin ich, was habe ich, wer bist Du, was hast Du, wie wichtig bist Du und so weiter. Nein, völlig easy. Am späten Abend, noch auf einen Schlummerbecher in unserem Lieblingslokal in Bern. Auch da ein ungezwungenes miteinander. Punker neben Anzugträger. Pensionär neben Jungspund. Nüchtern neben volltrunken. Dennoch keine Hektik. Am Nebentisch ein Geschichtenschreiber. Schreibt ein Wort. Steht auf. Geht vor die Türe. Raucht. Kommt zurück an den Tisch. Überlegt. Lange. Schreibt ein Wort. Steht auf. Geht nach draussen….. alles sehr gelassen.
Mir geht diese Gelassenheit mitunter etwas abhanden. Dann, wenns pressiert. Obwohl ich es meinen Jungen immer wieder predige. Langsam. Geduld. Gelassenheit. Nachdenken. Konsequenzen beachten. Sonst wird das Leben zu einem Glücksspiel und ihr zu Glücksritter. Mir geht sie manchmal ab. Diese Gelassenheit. Wie heute Mittag. Aber nur, weil es wirklich pressant.
Jetzt muss man wissen. Meine Verdauung. Die ist im Prinzip sehr gut und ganz einfach. Frühstück. Etwas Ruhe. Quasi alles sich setzen lassen. Und ich mich dann auch. Auf die Toilette. Nur heute. Heute nicht. Weil schönes Wetter. Und unbedingt nach draussen. Bewegung an der frischen Luft. Das freut nicht nur mein Gemüt. Das freut auch meinen Darm. Und weil so mangelnde Gelassenheit am Morgen? Dann Meldung während des Spazierganges. Mit Nachdruck. Immensen Druck. Zum Glück waren wir schon in der Nähe. Einer Freiluftbeiz mit Toilette. Aber ich nicht mehr so ganz gelassen und in Eile. Ab in den Container mit den Toiletten. Drei Kabinen. Alle drei leer. Unter solchen Umständen? Immer links. Weil Aussenwand. Tragend. Müssen sie jetzt nicht verstehen. Ich erklärs ihnen dann schon mal. Also rein in die linke Kabine. Mit Vollgas. Türe zu, Jacke weg, Hose runter, alles in einem. Quasi. Die Verdauung. Sie verstehen. Und während ich mich setze, sehe ich ihn. Lustig, denke ich mir. Ein Sicherungskasten auf einem WC, in einer Toilettenkabine. Unerreichbar hoch. Zumindest auf der Schüssel sitzend.
Jetzt. Mit etwas mehr Gelassenheit. Hätte ich mir wohl eine andere Kabine ausgesucht. Dann wäre ich auch nicht zum Glücksritter geworden. Weil, während ich noch darüber nachdenke. Was macht wohl ein Sicherungskasten auf dem WC? Peng. Licht weg. Zappenduster.

Spätestens jetzt half nur noch eines. Gelassen bleiben. Sehr gelassen. Wo ist das WC Papier? Wie stelle ich im Dunkeln sicher, dass dies auch AUSREICHEND benützt wird? Und hoffentlich kommt jetzt niemand, um die Sicherung wieder reinzudrücken.

Also Jungs. Merkt Euch das. Etwas Gelassenheit bringt euch weiter im Leben. Auch wieder runter von einer Schüssel.

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Veröffentlicht von

Der Nachtwanderer

Der Nachtwanderer ist freier Autor, Zürcher Fels in der alltäglichen Brandung, Szenebeobachter, diffundierender zwischen den Welten Bummler und moderner Geschichtenerzähler. Mit einer gewissen Sehnsucht nach Weite strickt er aus alltäglichen Erlebnissen und Beobachtungen kleine Kurzgeschichten. Mit feinem Humor, einer Prise Ironie und etwas Schalk, eröffnet sich deren versteckter Sinn manches mal erst beim wiederholten Lesen. Und nicht selten entdeckt man sich selbst in seinen Geschichten wieder.

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