Lange Rede kurzer Sinn

Schnell. Geduld? Keine. Also die wenigsten. Am liebsten schon gestern. Oder noch früher. Dass wertvollste, was man also schenken kann? Zeit. Und ein Ohr. Oder zwei. Leihweise. Nicht so van Gogh mässig. Der hat sein Ohr ja auch abgegeben. Quasi. Nein. Wirklich nur leihweise. Hin- oder zuhören. Ist wirklich wertvoll. Auf beide Seiten. Ich versuche zuzuhören, bin aber auch ganz dankbar. Wenn mir mal jemand zuhört. So wie sie es tun. Die Leser dieser Geschichten. Sie schenken mir auch. Immer wieder. Ihre Aufmerksamkeit. Das ist für mich Lohn und Ansporn. Ich, wir, bessere Hälfte und ich. Wir versuche daher auch ab und zu etwas zurückzugeben. Das nächste Mal am 23. Mai. Details später. Nur damit sie schon einmal vorgewarnt sind.
Zurück zum Thema. Zeit schenken. Weil, auch ich. Habe auch so eine Unart. Oder Tic. Also nicht, dass sie jetzt Angst haben müssen. Von wegen Tourette oder so. Wobei Angst etwas weit gegriffen. Einer meiner Schulfreunde hatte einen. War ganz lustig damals. Für uns. Seine Freunde. Weil wir wussten ja, wann ungefähr seine Eruptionen kamen. Im Gegensatz zu den anderen Menschen im öffentlichen Raum. Wir nahmen ihn trotzdem überall hin mit. War früher so. Auf dem Land. Auch ins Kino. Aber nur einmal in einen Kinderfilm. Danach nicht mehr. Respektive nur noch in Schnulzen. Wegen der romantischen Kussszenen. Die waren irgendwie der Auslöser. im dunklen Kino. Vorne auf der Leinwand ein sich küssendes Paar. Und auf einmal, aus der Dunkelheit. Die Eruption. Quasi. Hammer.
Mein Tic ist anders. Immer wenn ich eine Frage habe. Dann beginne ich mit „…hast du mal schnell eine Minute?“ Oder auch „….hast Du kurz eine Minute?“ Und dann ärgere ich mich über mich selber. Weil, erstens, bleibt es nie bei nur einer Minute. Schon gar nicht kurz. Und zweitens, setze ich schon in der Frage voraus, dass mein Gegenüber eine hat. Minute. Wobei. Noch schlimmer finde ich die „Sekündler!“ Wenn man durch die Strassen läuft. Und dann hat es da so einen Unterschriftenstand. Mit irgendwelchen unterbezahlten, aber übermotivierten Studenten. „Ey, Du, hast Du mal kurz eine Sekunde?“ Einundzwanzig und Tschüss. Es dauert genau eine Sekunde lang, einundzwanzig zu sagen. Können sie mal messen. Also sage ich einundzwanzig und laufe weiter. Er, oder Sie wollte ja nur kurz eine. Sekunde.
Letztens waren bessere Hälfte und ich beim Essen. In einem Restaurant. Trafen per Zufall Menschen die wir kennen. Und liehen gegenseitig Ohren. Weil erstens wertvoll und zweitens lernt man ja auch Neues dabei. Meistens. In diesem Fall zum Beispiel. Eine Unterform von „hast Du mal eine Minuten? Kurz!“ Und die ging so: Ich habe heute was unglaubliches erlebt. Eine meeeeeega Geschichte! Aber ich erzähl Dir nur die Kurzform. Kurzform. Wir hatten noch nicht mal die Vorspeise. Dann kam der Hauptgang. >Und zum Dessert war sie noch nicht ganz erzählt. Die Kurzform. Der Geschichte. Zwischen drin musste ich Nachfragen. Ob wir noch in der Geschichte sind. Weil irgendwie verloren. den Faden. Die Übersicht sowieso. Aber genial. Das merke ich mir. Ich beginne meine Fragen nun nicht mehr mit der nach einer kurzen Minute. Ich erzähle jetzt Geschichten. In Kurzform. Weil:
Hast Du mal eine Minute = umgerechnet max. 5 Minuten
Geschichte in Kurzform = umgerechnet? Stunden! Quasi
Lassen sie sich davon ja nicht abhalten etwas vom wertvollsten zu verschenken, was sie haben. Ihre Zeit. Und Aufmerksamkeit. Aber hüten sie sich. Wenn wir uns begegnen und ich ihnen „kurz“ etwas erzählen möchte.
Nur kurz! Ich nehme es ihnen nicht Übel. Ich schwör!

via Blogger http://bit.ly/2U8sAiN

Veröffentlicht von

Der Nachtwanderer

Der Nachtwanderer ist freier Autor, Zürcher Fels in der alltäglichen Brandung, Szenebeobachter, diffundierender zwischen den Welten Bummler und moderner Geschichtenerzähler. Mit einer gewissen Sehnsucht nach Weite strickt er aus alltäglichen Erlebnissen und Beobachtungen kleine Kurzgeschichten. Mit feinem Humor, einer Prise Ironie und etwas Schalk, eröffnet sich deren versteckter Sinn manches mal erst beim wiederholten Lesen. Und nicht selten entdeckt man sich selbst in seinen Geschichten wieder.

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