Berührungsängste

Es ist wegen meiner Jungmannschaft. Also wegen meiner Kinder. Weil, die kommen immer wieder mal. Mit so Hinweisen. Man könne jetzt zum Beispiel im Internet iPhones gewinnen. Ganz einfach. Oder da gäbe es so Gewinnspiele. Wenn man CHF 10.- einzahle, dann könne man für CHF 50.- gamen. Also früher. Als sie ihr erstes iPhone bekamen. Bezahlt! Nicht gewonnen! Mittlerweile sind sie auf- und abgeklärter. Darin, nicht alles zu glauben, was man im Internet so liest. Oder in Zeitungen. Eher gesunder Menschenverstand. Und dann selber beurteilen. Kann das wahr sein? Oder nicht? Und wenn ja, wie viel davon? Gibt es eine zweite Seite? Die gibt es nämlich immer. Mitunter schauen Geschichten dann ganz anders aus, wenn man die eine Seite gelesen hat und die andere Seite dann dazu um Auskunft bittet. Was wollte der Schreiber damit zum Ausdruck bringen? Will er nämlich immer. Ich schwör. Was zum Ausdruck bringen. Nur ist es manchmal erst auf den zweiten Blick ersichtlich. Oder dem dritten. Wie letztens mit diesem Geisterfahrer. Autobahn. 83 Jahre alt. Der Fahrer. Die Autobahn nicht. Rammt als Geisterfahrer auf der Autobahn frontal ein anderes Auto. Er danach effektiv. Ein Geist. Zukünftig. Die Gerammten? Leben noch. Inskünftig wahrscheinlich mit einem Trauma. Aber immerhin. Datum, Uhrzeit, Automarke, Wetter. Fertig. Sie meinen, da gäbe es keinen zweiten Ausdruck, den der Schreiber rüberbringen wollte? Mal davon abgesehen, dass er mit der Angabe des Alters des Geisterfahrers zum Ausdruck brachte, dass seiner Meinung nach so alte Menschen nicht mehr in ein Auto und schon gar nicht auf eine Autobahn gehören. Sondern doch am besten zuhause bleiben und in mehr oder weniger grossen Würde alleine das zeitliche zu segnen hätten. Aber ich sag ja nix. Respektive nur zu meinen Söhnen. Nicht alles glauben, was euch so gesagt wird. Und ab und zu mal Dinge hinterfragen.
Darum sind sie heute wie ich. Und glauben nicht mehr alles, ohne es zu hinterfragen. Wie zum Beispiel, dass die Schweizer ein unfreundliches Volk seien. Und extremst abweisend gegen alle anderen. Und es sei nicht möglich mit „denen“ eine Freundschaft aufzubauen. Hört man ja immer wieder. Respektive liest man auch. Auch hier gibt es zwei Seiten. Ich habe öfters festgestellt, dass Menschen, die eine solche Aussage machen…nun ja..sagen wir mal, nicht immer ganz einfach im Umgang sind. Und man deshalb dann eher meidet. Dann ist es aber auch egal, was sie für eine Nationalität die haben. Dann finden nämlich auch Schweizer eher weniger Freunde. Wenn schwierig im Umgang. Lassen wir das mal so stehen. Weil, generell kann man sagen. Berührungsängste haben auch die meisten Schweizer eher weniger. Manche sogar sehr wenige.
Unter der Woche trage ich gerne weisse Hemden. Weil Kundenbesuche und seriöser Eindruck und so. Darüber meistens ein Jackett. Ausser wenn hochsommerlich. Dann trage ich zum weissen Hemd zwar auch ein Jackett. Aber über dem Arm. So. Wenn man nun mit so einem weissen Hemd und Jackett überm Arm durch den Hochsommer läuft? Was passiert dann ab und zu? Man wird zur Landezone. Diverser Insekten. Manche werden auch zur Landezone von Spritzern diverser Saucen. Beim Mittagessen. Oder Abends. Da hat man dann doch eher Berührungsängste. Also nonverbal gesehen. Verbal nicht. „Oha!? Gab’s Spaghetti zum z’Mittag?!!“ Süffisantes Lächeln inklusive. Manchen Menschen verderben sie damit locker den Rest des Arbeitstages. Spannend. Ich habe darum immer ein zweites Hemd im Büro. In einer Schublade. Weil man sagt den Schweizern auch nach, sie seien Vorsichtig. Und vorbereitet. Ha! Also Sauce auf weissem Hemd eher nicht. Aber Insekten. Die sitzen dann so rum. Auf dem Hemd. Und lassen sich mittragen. Ohne dass es der Träger bemerkt. Ich auch nicht. Bis in den Lift. Da stand eine mir persönlich nicht bekannte Dame mir gegenüber. Und fixierte mein Hemd. Das weisse. Ich denke mir noch, was fixiert die mich so? Gab doch gar keine Spaghetti. Da tritt die Dame forschen Schrittes auf mich zu. Hebt ihre Hand, sagt „Äxgüsi!“, und scheucht ein Insekt von meiner Landezone. Auch wildfremd. Und mir persönlich nicht bekannt. Das Insekt. Wenn ich das machen würde? Als Mann? Bei einer Frau? Einer fremden Frau? Die schauen einen in Zürich schon komisch an, wenn man ihnen ein Kompliment wegen ihres Outfits macht. So mit einem Blick von wegen „Ey, Alter!!!!??“ „Was ist los? Willst Du mich anmachen?“ Vielleicht ja Berührungsängste. In dem Moment.
„Äxgüsi!!“ Einem Wildfremden gegenüber. Nix mit Berührungsängsten. Wir Schweizer. Und ich?Stehe noch zwei Sekunden verdattert im Lift. Sag artig danke. Und bin froh, noch ein zweites Hemd auf Reserve zu haben. Man weiss ja nie…

via Blogger https://ift.tt/2M4IJ8H

Veröffentlicht von

Der Nachtwanderer

Der Nachtwanderer ist freier Autor, Zürcher Fels in der alltäglichen Brandung, Szenebeobachter, diffundierender zwischen den Welten Bummler und moderner Geschichtenerzähler. Mit einer gewissen Sehnsucht nach Weite strickt er aus alltäglichen Erlebnissen und Beobachtungen kleine Kurzgeschichten. Mit feinem Humor, einer Prise Ironie und etwas Schalk, eröffnet sich deren versteckter Sinn manches mal erst beim wiederholten Lesen. Und nicht selten entdeckt man sich selbst in seinen Geschichten wieder.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s