Konfusius

Eigentlich ist es ganz einfach. Es bedarf keiner grossen Kunst und geht ruck zuck. Ausserdem muss ich gestehen, ich mache es ab und zu noch ganz gerne. Menschen aus der Fassung zu bringen. So ganz nebenbei. Wirklich kein grosses Drama. Mehr so eine kleine, feine Bemerkung. Aus dem Hinterhalt. Quasi im Vorbeigehen. Wie letztens in der Stadt. Begegnet mir doch eine Bekannte, die ich schon länger nicht mehr gesehen habe. Von der ich aber wusste, sie war längere Zeit Single und auf der Suche. Nach dem passenden Deckel. Wobei, für diesen Topf einen Deckel zu finden? Gar nicht so einfach. Weil, sagen wir mal. Sehr individuelle Form. Der Topf. Also nicht das sie meinen, einfach so in einen Laden und mal eben zur Verkäuferin und ich besitze einen Topf dieser oder jener Marke in der Grösse und suche jetzt einen Deckel. Und die Verkäuferin, ja, also, alles kein Problem und ich geh jetzt nur mal schnell ins Lager. Und kommt nach zwei Minuten mit drei verschiedenen Deckeln und alle passen wie angegossen und quasi nur noch eine Sache der Entscheidung, welcher. Aber so oder so sicher einen Deckel im Angebot. Passend auf den Topf.
Nein, so gar nicht. Kurz und gut. Auf solch einen Topf passt einfach kein Deckel. Nicht mal mit Biegen und Brechen. Daher war es so unwahrscheinlich. Quasi ausgeschlossen. Und sie wusste auch, dass ich das wusste. Darum eröffnete ich unser Gespräch mit den Worten: «Heh, Du!» «Schön Dich zu sehen!» «Und die Beziehung scheint Dir wirklich gut zu tun!».
Fassungslosigkeit beim Gegenüber. Wie käme ich nur drauf, sie sei in einer Beziehung? Weil, es stimme zwar, aber das könne ich doch gar nicht wissen? Wusste ich auch nicht. Ich habe geraten. Aufgrund dessen, dass dieser Topf, wenn wir mal bei dem Vergleich bleiben wollen, dass dieser Topf auf einmal etwas dickwandiger war. Und jetzt sind Frauen da gar nicht so viel anders als Männer. So lange Single, schöne, stylische Bratpfanne. Sobald Beziehung? Römertopf. Ich glaube, sie verstehen schon, was ich meine.
Andersrum ist es schwieriger. Also mich. Mich aus der Fassung zu bringen. Gelingt nur wenigen. Wenn überhaupt. So wie heute. Wir haben uns einen Weinkeller gemietet. Also keinen Ganzen. Nur ein Abteil in einem. Geht auch weniger um das Abteil, als dem, dem Abteil vorgelagertem, Degustationsraum. Den brauchen wir ab und zu. Aufmerksam darauf wurden wir durch Freunde. Die auch in einem Weinkeller ein Abteil haben. Und uns dies zeigten. Worauf wir uns ebenfalls um eines bewarben. Viel Schrift- und Telefonverkehr später, erhielten wir den Zuschlag. Einige Zeit später auch den Schlüssel. Und den probierten wir heute aus. Pilgerten also zu «unserem» Weinkeller, voller Stolz und Vorfreude und Fassung. Fassung auch. Standen vor der Türe, schoben den Schlüssel ins Schloss. Ging auch ganz leicht. Danach ging aber nichts mehr. Er lies sich nicht drehen. Auch nicht mit viel hin und her und auf und ab und zug und druck. Nichts. Also die Telefonnummer des Vermieters rausgesucht. Mit dem wir vorgängig viel Schrift- und Telefonverkehr. Der meldete sich auch gleich. Und meinte auf meine Frage, ob beim Öffnen der Türe allenfalls ein mir unbekannter Trick angewendet werden müsste. Was er verneinte. Sollte ganz leicht gehen. Ging aber nicht. Nach einigem hin und her dann die Frage. Äehm, wo stehen sie denn? Na wo wohl? Vor der Türe des Weinkellers. Der Weissen. Der Weissen? Äehm, die sollte aber rot sein! Rot? Aber die ist weiss. Wo wir den stünden, Adressenmässig? Na hier, an der XXX-Strasse Nr 14. Aha! Der Weinkeller befindet sich aber an der XXX-Strasse Nr 11. Sie stehe gerade vor dem Keller der Konkurrenz.
Fassungslosigkeit. Ein bisschen auf beiden Seiten. Ist, wie wenn sie eine Wohnung mieten. Die sie vorher besichtigt haben. Also wirklich drin waren. Dann mit dem Vermieter darüber sprachen, die Konditionen verhandelten, beide quasi stundenlang über die Wohnung reden und es nicht merken. Beide reden von jeweils etwas ganz anderem.
Er lotste uns dann per Telefon zum richtigen Keller. Unserem. Und hier zum zweiten Mal fast etwas fassungslos. Weil noch schöner als der erste. Sie werden es sehen. Wenn wir sie denn mal einladen.

Aber bewahren sie bitte Fassung.

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Veröffentlicht von

Der Nachtwanderer

Der Nachtwanderer ist freier Autor, Zürcher Fels in der alltäglichen Brandung, Szenebeobachter, diffundierender zwischen den Welten Bummler und moderner Geschichtenerzähler. Mit einer gewissen Sehnsucht nach Weite strickt er aus alltäglichen Erlebnissen und Beobachtungen kleine Kurzgeschichten. Mit feinem Humor, einer Prise Ironie und etwas Schalk, eröffnet sich deren versteckter Sinn manches mal erst beim wiederholten Lesen. Und nicht selten entdeckt man sich selbst in seinen Geschichten wieder.

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