Renitent

Mann! Zum Glück muss ich mir das nicht antun. Ich hätte echt die Nerven nicht. Ich schwör! Mir reicht es schon als Passagier. Mit dem Tram durch die Stadt zu fahren. Geschweige denn, als Fahrer. Wirklich nicht. 20 Minuten. Von der Haltestelle Kunsthaus bis Leutschenbach. Quer durch die Stadt. Morgens um 07:00 Uhr. Jedes Mal. Alle. Auto, Velo, Fussgänger. Alte, Junge, Kinder. Männlich und weiblich. Die irgendwo dazwischen auch. Es ist nur dem Zufall zu verdanken. Eigentlich müsste es jeden Tag ein paar erwischen. Final.
Autofahrer haben den Aussen- und Rückspiegel nur zur Zierde. Oder noch schlimmer. Nach einem Crash. Den der Fahrer verschuldet hat. Weil er einfach aufs Tramtrasse auswich. Wegen dem Velo vor ihm. Kein Schuldbewusstsein. Er hätte ja ausweichen müssen. Grossartiges Argument. Zack! Zurück auf null. Noch einmal in die Fahrschule und von vorne. Alles andere? Vergebene Liebesmüh. Fussgänger. Kopfhörer im Ohr. Verträumter Blick. In die Ferne. Mit sofort anschliessendem Hechtsprung auf den Gehweg. Weil im Delirium vors Tram gelaufen. Noch übler. Kinder. Gamend. Gebeugter Rücken. Handy vor dem Gesicht. Ansatzlos rechts schwenkt und vor das Tram. Die Passagiere? Begeistert. Besonders die Stehenden. Kommt man sich so doch mal wieder ungewohnt nahe. Sehr nahe. An der Wand der Fahrerkabine. Der Fahrer? Auch begeistert. Wenn er dann seinen Herzinfarkt überwunden hat. Wie gesagt. Zum Glück muss ich mir das nicht antun. Ein herzliches Dankeschön an Alle die das jeden Tag mitmachen. Eine Kollegin, die als Tram-Fahrerin arbeitet. Die meinte einmal, ca. 5 – 10. 5 – 10 Personen rettet Sie das Leben. Tagtäglich. Da nehme sie es gerne in Kauf. Dass es ab und zu an die Wand der Fahrerkabine wumst. Mit Schwung. Quasi. Liebe Mitmenschen! Ist ganz einfach. Wenn sie stehen. Still. An einem Ort. Oder sitzen. Dann von mir aus. Tun sie was sie wollen. Wenn sie sich bewegen? Nase nach vorne. Augen auch. Handy weg. Zeitungen auch. Ihr macht nicht nur Euch das Leben einfacher.Jetzt. Wenn sie meinen, es gehe nicht schlimmer. Ha! Letzte Woche. Italien. Eine Insel. Welche spielt ja keine Rolle. Oktoberferien. Wenig Touristen. Wetter und Wasser aber noch erträglich warm. Personal hat, wieder, Zeit für einen. Freut sich, wenn man sich freut. Und umgekehrt. Viele meinen zwar. Italien? Ans Meer? Im Oktober? Schneit es da nicht schon? Nein. Tut es nicht. Ist Hammer. Aber zurück zum Thema. Weil, Handy auch in Italien. Ein Thema. Aber weniger der jungen Mitmenschen. Eher der älteren. Senioren. Und -innen. Die haben es auch die ganze Zeit vor der Nase. Aber nicht wegen Spielen oder sonstigem. Nein. Ganz übel. FaceTime!Sie wissen was das ist. Telefonieren über Lautsprecher und Video. Man hat es in Italien erfunden. Für die älteren Mitmenschen. Ich schwör. Und jetzt. Nicht das sie glauben von wegen lass sie doch. Geht ja nur kurz. Ist sicher gleich fertig. Nein. Ist es nicht. Und obendrein noch hemmungslos. Hemmungslos überall. Auch im Restaurant. Oder dem Museum. Oder auf der Promenade. Oder dem Strand. Sie glauben die allgegenwärtigen Drohnen sind ein Problem? Nein. Es sind Damen und Herren im Rentenalter. Vorwiegend. Die sich stundenlang über FaceTime banalste Tagesgeschichten erzählen.
Hat aber auch einen Vorteil. Wenn sie sich dann als Brei unter dem Auto, Tram oder Bus breit machen. Dann hat es wenigstens jemand gesehen. Live. Und kann gleich ein neues Handy bestellen.

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Der Nachtwanderer

Der Nachtwanderer ist freier Autor, Zürcher Fels in der alltäglichen Brandung, Szenebeobachter, diffundierender zwischen den Welten Bummler und moderner Geschichtenerzähler. Mit einer gewissen Sehnsucht nach Weite strickt er aus alltäglichen Erlebnissen und Beobachtungen kleine Kurzgeschichten. Mit feinem Humor, einer Prise Ironie und etwas Schalk, eröffnet sich deren versteckter Sinn manches mal erst beim wiederholten Lesen. Und nicht selten entdeckt man sich selbst in seinen Geschichten wieder.

2 Gedanken zu „Renitent“

  1. es ist unsere Kopflosigkeit,die uns zur zeit bestimmt,,dieser innere Kriegsstimmung nach Informationen..das Herz schlägt zu jeder Sekunde viel zu schnell dem leben hinterher..der Blick auf das wesentliche wird verloren ..der ruhende einzigartige blick auf einen menschen,einen Sache,einem tun mit der Aufmerksamkeit der liebe,,spürt mensch liebe ,spürt das Ich das jetzt…sehr feine Beobachtung von dir,nachlebbar beschrieben..und gleichzeitig jetztdenkfutter.

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