Dampfende Rösser

Wer im Glashaus sitzt, werfe nicht mit Steinen. Allenfalls nur ganz winzigen. Oder so ähnlich. Dann nehme man aber in Kauf, bitteschön, es scherbelt. Umständehalber vielleicht auch ganz heftig. Darum lass ich es mal ein wenig scherbeln. Ich entstamme einer Raucherfamilie. Keine Kampfraucher. Also mit Ausnahme meines Grossvaters. Mütterlicherseits. Aber der Rest? Eher so Gelegenheitspaffer. Wenn’s grad eine hatte. Oder einer da war. Der eine hatte. Eine Zigarette. Oder mehrere. Den man deshalb eine abschnorren konnte. Einfach weils gemütlich war. Lustigerweise war es das eigentlich immer. Mindestens aber interessanter. Bei den Rauchern. Draussen. Als drinnen mit den Omis über weiss Gott was zu palavern. Darum stellte ich mich auch meistens mit dazu. Und schnorrte eine. Manchmal kaufte ich mir auch ein eigenes Päckchen. Von dem paffte ich eine. Oder zwei. Den grossen Rest lies ich mir abschnorren. Auch von meiner Familie. Nicht nur. Aber oft. Und in der Regel waren es es ganz harmlose. Kaum Nikotin. Aber einen Filter wie heutzutage eine Kehrichtverbrennungsanlage. So standen wir draussen und taten interessant. Mit Ausnahme meines Grossvaters. Weltkriegsgeneration. Der Erste so ein bisschen, der Zweite dann aber ganz schön heftig. Inklusive Kriegsgefangenschaft in Russland. Ihn sah ich nie ohne. Ich glaub, er ging sogar mit einer Kippe im Mund schlafen. Damit er morgens beim Aufwachen nur noch das Feuerzeug dranhalten musste. Marke weiss ich nicht mehr. Irgendetwas aus dem Ausland. Ohne Filter. Seine rechte Hand war gelb. Sonnenblumengelb. Die Ganze. Hand. Er hielt die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger. Mit der Glut nach innen. In die Handfläche. Damit man sie nicht sah. Weltkrieg. Einmal. Einmal habe ich eine bei ihm geholt. War irgendwas mit einem Mädchen. Ich wollte ein bisschen markieren. Oder so. Markieren konnte man zwar allein schon mit so einem Grossvater. Er war bekannt. Im ganzen Landkreis. Wegen seines Kadett. Opel Kadett. Feuerrot. Der an und für sich weniger spektakulär. Mehr, dass er damit täglich von einem Dorf zum anderen fuhr. Mit ca. 75 Stundenkilometer. Im ersten Gang. Weil Weltkrieg nicht nur Zigaretten. Auch ein bisschen Kopf. Wenn man in die Schule kam und das Gespräch auf einen kam, der da wieder röhrend mit seinem Kadett durch die Gegend orgelte? Konnte man sagen, ja, kenn ich. Ist mein Opa. Anerkennung und Respekt drei Punkte höher. Was Grossvater auch noch konnte? Wegen des Rauchens? Sich räuspern. Und dabei einen „Grünen“ hochziehen und von sich geben. In einem weiten Bogen. Hochpräzise. Auf den Punkt. Dabei produzierte er ein Geräusch. DR 18 201, sage ich nur. Auch da kann sich die spukende Jugend von heute eine Scheibe abschneiden. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ja, man konnte beeindrucken mit ihm. Aber besser noch mit seinen Zigaretten. Darum eine von ihm. Er gab mir sogar Feuer. Den tiefen Blick, den er mir dabei schenkte, den konnte ich erst im Anschluss richtig interpretieren. Als ich wieder von der Toilette zurück war. Weil erster Zug. Ganz tief. Von wegen Kehrichtverbrennungsanlage. Ganz tief. Bis runter zu den Zehen. Wirkung unmittelbar. Mein Vater war beeindruckt. So schnell sei noch niemand auf der Toilette gewesen. War das einzige Mal. Danach nie wieder. Er rauchte zwei davon. Schachteln. Pro Tag. Grossvater. Und wurde alt. Sehr alt. Kein Wunder. Innerlich vermutlich Mumie.
Ich erzähle das nur zum Verständnis. Dass ich Raucher durchaus verstehen kann. Raucher. Richtige. Nicht die, die meinen, zwischendrin mal eine paffen zu müssen. Oder, ganz übel. An einer mobilen Nikotinwasserflasche nuckeln. Und dabei dampfen wie eine DR 180201. Schnellzugdampflok aus dem Jahr 1960/61. Die versteh ich. Dass sie einen Platz brauchen. Um es zu tun. Gestehe ich Ihnen auch zu. Ohne Probleme. Ich schwör. Wenn so einer vor mir raucht, dann wechsle ICH den Platz. Ohne zu murren. Weil, von denen gibt es nicht sehr viele. Nicht mehr. Aus nachvollziehbaren Gründen. Weniger verstehe ich alle diese Paffer, die meinen, sich darüber aufregen zu müssen. Das im öffentlichen Raum immer weniger geraucht werden dürfe. Man beschneide ihre persönliche Freiheit. Meinte die junge Dame. Die sich paffenden an den Tisch neben dem Meinen setzte. In der seit einigen Wochen rauchfreien Bar am Bahnhof. Den Rauch in meine Richtung blasend.
Ich rauche schon lange nicht mehr. Auch mein Grossvater ging schon vor vielen Jahren. Was er mir aber hinterlies, war ein Talent. Nicht unbedingt einen Grünen zu produzieren. Von dem man sich eine Scheibe abschneiden kann. Aber die dabei von ihm produzierten, nicht weniger beeindruckenden Geräusche, die kann ich. Und zielen auch.

Das hörte auch die junge Dame. Mit Schrecken im Gesicht.

Ich liebe rauchfreie Bar

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Der Nachtwanderer

Der Nachtwanderer ist freier Autor, Zürcher Fels in der alltäglichen Brandung, Szenebeobachter, diffundierender zwischen den Welten Bummler und moderner Geschichtenerzähler. Mit einer gewissen Sehnsucht nach Weite strickt er aus alltäglichen Erlebnissen und Beobachtungen kleine Kurzgeschichten. Mit feinem Humor, einer Prise Ironie und etwas Schalk, eröffnet sich deren versteckter Sinn manches mal erst beim wiederholten Lesen. Und nicht selten entdeckt man sich selbst in seinen Geschichten wieder.

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