Golden Dragon

Ich sage das nur, damit keine Missverständnisse entstehen. Wirklich. Ich schwör. Ich bin grundsätzlich nicht rassistisch. Also. So allgemein. Kann ich gar nicht. Wegen der Voraussetzungen. In meiner Familie tummeln sich etliche Ethnien. Schweiz. Deutsch. Spanisch. Italienisch. Schwedisch. Etliche. Vermutlich noch mehr. Weiss mans so genau? Nein. Also international. Mindestens. Und bayrisch. Bayrisch auch. Weil damals, auf der grossen Flucht. Von Schlesien über Berlin nach München. In die Nähe von. Zumindest. Weil das Kaff sonst niemand kennt. Darum München.
Jetzt muss man wissen. Der Bayer. So allgemein gesehen. Der eigentlich auch nicht rassistisch. Nicht dass ich jetzt etwas behaupte. Und dann Ärger. So allgemein. So lange sie ein „Hiesiger“ sind. Sind sie ein sogenannter „Zugereister“? Dann wird’s schon schwieriger. Meine Eltern wohnten auf dem Dorf. Zunächst. Dann zogen Sie aufs Alter in das andere. Nachbardorf. Keine drei Kilometer. Und waren damit sogenannte „Zugereiste“. Keine „Hiesigen“. Damit wurde es dann schon etwas schwieriger. Aber grundsätzlich ist der Bayer an und für sich aufgeschlossen. Anderen Ethnien gegenüber.
Das muss man wissen, um zu verstehen, wenn ich wieder eine Frau zuhause vorstellte. Die sich vielleicht etwas komisch ausdrückte. Weil Italienerin. Oder Schwedin. Also keine „Hiesige“! Bedurfte dann immer wieder eines, sagen wir mal, aufklärenden Gesprächs. Mitunter auch etwas energischer Natur. Man muss meiner Verwandschaft denn immer wieder gerne mal erklären, dass der Bau von als Autobahnen getarnter Vormarschstrassen, dass dies nicht das fabrikmässige Vernichten von Millionen von Menschen rechtfertigt. Schon gar nicht zur Aussage berechtigt, „Er sei ja gar nicht so schlimm gewesen weil immerhin hätten wir dank ihm jetzt ja Autobahnen!“
Jetzt ist der verbliebene Teil meiner Erzeugerschaft bereits in etwas fortgeschrittenem Alter. Was es nicht unbedingt besser macht. Aber seniler. Darum freut es mich ja so. Heimlich. Wegen dem 80zigsten Geburtstag. Den man im kommenden Januar begeht. In einem Restaurant. In dem man vor vierzig Jahren schon die Taufe meiner Schwester feierte. Jetzt ist Bayern durchaus den Traditionen verbunden. Wie die meisten dieser Bergvölker. Aber ein Restaurant, das nach vierzig Jahren noch existiert? Hm. Nicht das ich Vorurteile hätte. Wirklich nicht. Aber Erfahrung. Und die lehrt einem was. Mir zumindest. Besonders, wenn es heisst, man hätte angerufen. Und es heisst immer noch Dragoner. Aber die waren wohl gerade beim Essen. Während des Anrufs. Weil etwas undeutliche Aussprache und so nuscheln. Aber man hätte jetzt reserviert. Es gäbe Ente. Und Wein.
Letztens war ich zu Besuch. Wegen der kommenden Feiertage. Und so. Die Gelegenheit nutzend und weil Hunger. Dachte mir, schaust Du Dir doch mal den Dragoner an. Testessen. Quasi. Jetzt. Ich bin , wie Eingangs erwähnt, aufgeschlossener. Ich mag auch Ente. Wirklich. Besonders Peking. Peking Ente. Der Dragoner? Den gibt es noch. Also das Gebäude. Die Telefonnummer auch. Er heisst jetzt nur nicht mehr so. Sondern Dragon. Golden Dragon. Und ist ein Chinesisches Restaurant. Von Chinesen betrieben. Keine „hiesigen“!! Wie gesagt. Ich freu mich. Tierisch. Auf Peking Ente. Und auf gewisse Gesichter.

Können sie Überraschungen auch nur so schwer für sich behalten?

Veröffentlicht von

Der Nachtwanderer

Der Nachtwanderer ist freier Autor, Zürcher Fels in der alltäglichen Brandung, Szenebeobachter, diffundierender zwischen den Welten Bummler und moderner Geschichtenerzähler. Mit einer gewissen Sehnsucht nach Weite strickt er aus alltäglichen Erlebnissen und Beobachtungen kleine Kurzgeschichten. Mit feinem Humor, einer Prise Ironie und etwas Schalk, eröffnet sich deren versteckter Sinn manches mal erst beim wiederholten Lesen. Und nicht selten entdeckt man sich selbst in seinen Geschichten wieder.

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