Sie kennen das. Bin ich mir sicher. Weil jeder. Jeder erlebt das hin und wieder. Einen dieser Tage. Frühmorgens. Im Sommer. Die Sonne scheint bereits. Wochenende ist auch bald. Geschäft und Beziehung laufen. Gut sogar. Keine Katastrophen in Sicht. Nicht unmittelbar. Sie erwachen langsam. Noch vor dem krakeelenden Wecker. Vorsichtig alle Glieder bewegen. Zumindest die, die sich gerade bewegen lassen. Yogamässiges in sich reinhören. Nichts tut weh. Hat es den Anschein. Also Augen auf. Hoch der Körper. Füsse über die Bettkante. Peng! Von einer Sekunde auf die andere. Woher auch immer. Vermutlich aus dem Bauchraum. Eventuell aber auch von ganz oben.

Der geht in die Hose. Der Tag. Heute. Blick auf den Wecker. Sie waren nicht zu früh. Sondern sind eine Stunde zu spät. Das Ding hat nicht geklingelt. Oder aufgrund des fortgeschrittenen Alters überhört. Vielleicht war es auch der eine Drink zu viel. Am Vorabend. Also schon im Stress. Darum gibt es auch keinen Kaffee. Und ein Tagesbeginn ohne Kaffee? Weltuntergangsstimmung. Sie ziehen das falsche an. Rennen auf’s Tram. Welches ausgerechnet heute ausfällt. Technische Störung. Oder Fremdkollision. Ersatzbus. Der nicht kommt. Wenn er denn kommt? Maske vergessen.

Spätestens jetzt müssten Sie sich aus dem Spiel nehmen. Selber. Weil Erfahrung. Das wird nicht besser heute. Dennoch. Irgendwie erreichen sie das Büro. Das erste Telefonat das sie annehmen? Reklamation. Was auch sonst. Wenigstens läuft die Kaffeemaschine. Immerhin. Leider ohne Bohnen. Die müssen Sie erst noch holen. Im Laden unten im Haus. Lift natürlich besetzt. Alle vier. Durch Bauarbeiter. Die gerade eine Etage zügeln. Also Treppe. Endlich unten? Vor dem Laden? Sie ahnen es. Maske vergessen. Ob denn nicht ausnahmsweise? Weil Notstand? Mitnichten. Also wieder hoch. Vier Etagen. Treppe. Lift immer noch blockiert. Oben schellt schon wieder das Telefon. Nächste Reklamation. Danach wussten sie nicht mehr was sie eigentlich wollten. Also erstmal einen Kaffee. Maschine läuft. Die Bohnen. Wieder runter. Nein! Dieses Mal mit Maske. Der Lift war auch da. Alles gut. Mittag fällt heute aus. Nachmittags um vier. WhatsApp von der Ex. Du weisst? Nein. Weiss ich nicht. Was denn? „Heute ist der Elternabend.! Du gehst. Hast Du gesagt. Vor zwei Monaten. Aber nicht im Kalender eingetragen. Aber was soll’s. Ich gehe. Auf’s Tram. Richtung Stadt. Die Maske? Die liegt im Büro. Zum Glück habe ich Ersatz. In meiner Laptop Tasche. Die steht. Auch im Büro.

Sie werden es nicht glauben. Ich war pünktlich. Ich schwör. Fast. Eine Minute. Oder so. Aber nur organisatorisch. Quasi. Ich war noch nie in diesem Schulhaus. Ein Labyrinth. Türe auf. Klassenzimmer voll. 48 Frauen. Und zwei Männer. Noch einer und ich. Sein Blick? Gequält mit einem leichten Schimmer der Hoffnung. Die anderen 49? (plus Lehrperson, also 48 + 1). Etwas herablassend. Die Bemerkung „so, wir freuen uns ALLE, jetzt auch Vincents Vater in unserer Mitte begrüssen zu DÜRFEN!“, auch. Klappe halten und durch. Kurze Pause nach der ersten 45 Minuten Berieselung. Vielleicht kurz Mails checken. Weil fluchtartig aus Büro. Steht auf einmal eine der 49 (48 + 1) vor mir. „Hallo“! „Ich bin Sybilles Mutter“! Erwartungsvoller Blick? Auf mich. Äehm, nett. Aber was soll mir das jetzt sagen? Jetzt muss man wissen. Mein Sohn lebt hauptsächlich bei seiner Mutter. Und nur ab und zu bei mir. Mehr oder weniger regelmässig. Da bekommt man nicht immer alles mit. Das muss man wissen. Weil der Blick der 48 ins etwas Vorwurfsvolle gleitet. Wer oder was zur Hölle ist Sybille? Warum kennt Sybille, oder zumindest ihre Mutter, mich? Leichte Panik. Die Auflösung kommt sofort. Von Nr. 48. Die merkt, dass ich keine Ahnung habe. „Ihr Sohn und meine Sybille gehen miteinander“! Interessant. Was man so nebenbei alles erfährt. An einem Elternabend.

Nach zwei Stunden. Endlich auf dem Heimweg. Nicht ohne die Bestätigung, wie grossartig man das findet. Alles. Sohn und Sybille. Ich schwör. Im Tram dann die Hoffnung. Sohn wurde hoffentlich mal aufgeklärt. Irgendwann. Von irgendwem. Weil Grossvater? Also bitte. Gegen 21:30 Uhr endlich in heimatlichen Gefilden. Sprich zuhause. Fast. Vorher noch schnell ein Glas Rotwein. In Ruhe. Und der Lieblingsbar. Kaum sitzend, radelt eine Bekannte vorbei. Die in der nähe wohnt. Ob sie sich noch schnell dazusetzen darf. Durfte sie. „Und? Hattest Du einen strengen Tag? Siehst etwas gestresst aus?“

Brachte dann die Geschichte von Junior, seiner ersten Freundin und das Thema Aufklärung. Worauf Bekannte meinte, das hätte ich ja wohl hoffentlich schon gemacht? Warum ich? Meine Antwort? Das ist doch Sache der Mutter. Was dann passierte? Das gibt eine andere Geschichte. Der Abend wurde noch hitzig. Und dauerte etwas länger.

Irgendwann ging ich zur Begleichung unserer Rechnung an die Bar. Plexiglasscheibe. Darauf ein kleiner Kleber.

„Alles wird gut!“

Wir werden sehen…

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